Kiebitzwiese

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Flächengröße: 43 ha
Rechtskräftig: 15.11.2002
Größe der Heckrind-Beweidungsfläche: 30 ha
Größe der Wasserflächen: > 3 ha
Heckrinder: 13 (13.02.2016)
Freileitungsmasten: 2

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Das Naturschutzgebiet “Kiebitzwiese” umfasst die ausgedehnten Weide-, Brache- und Vernässungsflächen in der Fröndenberger Ruhraue zwischen den Ortsteilen Westick und Neimen sowie dem Hammer Wasserwerk im Osten. Nördlich begrenzt das Industriegebiet Westick das Gebiet, im Süden markiert die Mitte der Ruhr die NSG-Grenze, die dort zugleich den Kreis Unna vom Märkischen Kreis trennt. Dort schließt sich auf der Mendener Ruhrseite das Naturschutzgebiet “Auf dem Stein” mit dem Ententeich an.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Seit der Wiedervernässung prägen großflächige feuchte Grünlandflächen und flache Blänken, also zeitweilig austrocknende Kleingewässer, das Gebiet. Aufgrund der extensiven Beweidung durch Heckrinder mit geringer Tierzahl haben sich in vielen Teilbereichen dichte Hochstaudenfluren entwickelt, stellenweise breiten sich erste Erlen- und Weiden-Gehölze aus. Der gehölzbestandene Ochsenkamp an der Ruhr ist Rückzugsraum für Weide- und Wildtiere.
Weitere Wiesen und Weiden des Naturschutzgebietes zwischen dem Fröndenberger Stadion und dem Industriegebiet werden regulär landwirtschaftlich bewirtschaftet und in der Regel mit Schafen beweidet.

Die offenen Wasserflächen wirken inzwischen wie ein Magnet auf Wasser- und Watvögel. Zur Zugzeit sind in der Kiebitzwiese zahlreiche Limikolen- und Entenarten zu beobachten, zur Brutzeit fallen insbesondere die Kiebitze auf. Größere Ansammlungen von Grau-, Kanada- und Nilgänsen nutzen im Herbst und Winter die Flächen als Mauser- und Ruheraum, auf der Ruhr sind Enten-, Taucher- und Sägerarten zu sehen.

Auch Wasser- und Grasfrosch haben die Kiebitzwiese wieder für sich entdeckt – genauso wie Prachtlibellen, Granataugen, Blaupfeile, Vierfleck, Azurjungern und Heidelibellen. Diese halten sich an den verschiedenen Binsen und Teichsimsenarten, am Zweizahn, dem Froschlöffel und dem Blutweiderich am Rande der Gewässer auf.

Umlaufende Wege und ein Beobachtungshügel am Ruhrtalradweg an der Werner-von-Siemens-Straße in Fröndenberg Westick ermöglichen es, die Vogel- und Tierwelt hautnah zu erleben und zu fotografieren, ohne die teilweise sehr scheuen Arten zu stören.

Bester Blick: Beobachtungshügel im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Bester Blick: Beobachtungshügel im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese vom Beobachtungshügel aus gesehen

Zur Geschichte des Gebietes

Anders als die Lippe liegt die Ruhr seit mehr als 100 Jahren im Fokus der Wasser- und Elektrizitätswirtschaft. Mit der Konsequenz, dass der Ruhrlauf im Kreis Unna fast auf ganzer Länge im Dauerstau von Wehranlagen liegt und Hochwässer durch ein ausgeklügeltes Talsperrensystem gedämpft werden. Dynamische, hochwasserbeeinflusste Auenabschnitte sind auf wenige Meter unterhalb der Wehranlagen beschränkt. Die Ruhraue wurde durch die Regulierung zur vom Fluss getrennten, trockenen und ackerfähigen Anbaufläche. Auch das NSG Kiebitzwiese war daher in den letzten Jahrzehnten eher der Ort für Kartoffel- und Maisanbau, denn Teil einer amphibischen Aue, Bruten der namengebenden Vogelart eine Randerscheinung.

Das war vor der Industrialisierung des Raumes anders: Die erste verfügbare genauere Karte des Gebietes, die preußische Uraufnahme, gibt ein beredetes Zeugnis von den Zuständen vor mehr als 150 Jahren: Schon 1839/1840 war die Kiebitzwiese ein zusammenhängendes, offenes Grünlandgebiet an der unregulierten Ruhr. Zur Flussaue gehörte für den Bauern seit der Kultivierung das Grünland, durch das die feuchten und hochwasserbeeinflussten Auen für den Menschen in Wert zu setzen waren. Auch die Kiebitze schätzen solche Bedingungen – und liehen dem NSG diesen landläufig verwendeten Flurnamen. Die Ruhr war noch durch Kiesinseln und Uferabbrüche gekennzeichnet und floss frei.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Die Fröndenberger Ruhraue 1913 – © Copyright Geobasis NRW

Bis 1923 änderte sich das grundlegend: Mit dem Bau und der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes Schwitten, der Wehranlage an der Kiebitzwiese (das erste Wehr befand sich etwa 300 m westlich der heutigen Lage) und des Obergrabens wurde der östliche Teil des heutigen Naturschutzgebietes in den Dauerstaubereich der Ruhr einbezogen. Die Uferbereiche wurden zur Erzielung einer größeren Stauhöhe mit Dämmen aufgehöht, die die eigentliche Kiebitzwiese und die Aue vom Fluss und seiner Dynamik trennten. Mehr noch, die Wiesen und Weiden lagen ab jetzt teilweise unter dem Niveau des Ruhrstaupegels. Nur die alte Ruhr, der „Münzenfund“, wurde bei Hochwasser durch das Aufziehen des Wehres noch gelegentlich geflutet.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Die Fröndenberger Ruhraue 1997, rot umrandet die spätere Beweidungs- und Vernässungsfläche – © Copyright Geobasis NRW

Wie auch in den anderen Naturschutzgebieten an der Ruhr wurde die Regulierung des Flusses zum Umbruch des Grünlandes und zur Vermehrung des Ackerlandes genutzt. In der Folge sank der Anteil der Wiesen und Weiden bis in die 1970er Jahre auf weit unter 50 %, die umgrenzenden Hecken und Gehölze wurden gerodet. Auch die Flößwiesenwirtschaft, bei der nährstoffreiches Rammbachwasser zur Ertragssteigerung in die Kiebitzwiese geleitet wurde, wurde aufgegeben. Der bis in die 1960er Jahre erhalten gebliebene Feuchtwiesenrelikt direkt an der Ruhr im Bereich „Ochsenkamp“, die eigentliche Kiebitzwiese, wurde unter großem Protest der ehrenamtlichen Naturschützer um Arno Bock als Schutthalde missbraucht und verkippt. Ehemals dort brütende Bekassinen, Kiebitze, Raubwürger und viele andere Arten hatten endgültig ihren Platz in der Aue verloren.

Landschaftsplan und Wiedervernässung

Mit der Unterschutzstellung des Gebietes 2002 – der ruhrnahen Bereiche vom Rammbach bis zur Graf-Adolf-Straße entlang der Ruhr – war die Wiederherstellung einer grünlandbetonten, offenen und wasserführenden Auenlandschaft das Ziel des Naturschutzes. Die Ackerflächen wurden wieder in Grünland umgewandelt.

Grünlandeinsaat auf der Kiebitzwiese nach der Ausweisung als Naturschutzgebiet 2002 - das Gebiet vor der Wiedervernässung

Grünlandeinsaat auf der Kiebitzwiese nach der Ausweisung als Naturschutzgebiet 2002 – das Gebiet vor der Wiedervernässung

Um der zu diesem Zeitpunkt recht monotonen und trockenen Aue jenseits der fehlenden Dynamik wieder ihre aquatischen Lebensräume zurückzugeben, einigten sich 2001 die Untere Landschaftsbehörde des Kreises Unna, die Bezirksregierung (damals das STUA Hagen) und die Biologische Station, das Gebiet wieder zu vernässen. Wegen der fehlenden Hochwässer sah die damalige Projektskizze vor, die aus der Dammlage der Ruhr resultierende Geländedifferenz zu nutzen und Ruhr- bzw. Rammbach-Wasser in die z. T. tieferliegende Kiebitzwiese zu verrieseln – kombiniert mit einer Extensivbeweidung durch Heckrinder. Doch auch die Verhandlungen um  diese “Schmalspur-Auenrenaturierung” – vor allem die Wasserentnahme aus der Ruhr – gestalteten sich äußerst undynamisch. Nach 8 Jahren stand fest, dass zunächst kein Ruhrwasser für die geplante Vernässung zur Verfügung stehen würde.

Ankunft der Heckrinder

Heckrinder im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Heckrinder im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Einziger Erfolg der langjährigen Bemühungen war zu diesem Zeitpunkt die Begründung einer kleinen Heckrindherde im Jahr 2009. Die robusten und allwettertauglichen Tiere sollen auf der Kiebitzwiese dafür sorgen, dass sich langfristig auch offene und halboffene Lebensräume halten können. Ohne Beweidung würde das Gebiet schnell zu einem mehr oder weniger geschlossenen Auwald aufwachsen und die gegenwärtige Strukturvielfalt würde vergehen.
Ein wesentlicher Vorteil gegenüber den in der Landwirtschaft heute genutzen Rinderrassen ist auch das wehrhafte Aussehen mit dem mächtigen Gehörn. Die Heckrinder sorgen inzwischen zuverlässig dafür, dass die Betretungsgebote im Gebiet eingehalten werden. Die ersten vier Heckrind-Kühe haben seither zusammen mit dem Bullen die Herde auf etliche Hörner anwachsen lassen.

Landschaftspfleger von morgen

Landschaftspfleger von morgen

Die aktuelle Situation

Der Durchbruch in der Gebietsentwicklung gelang dann aber 2011: Vor Ort wurde eine kleine Lösung gefunden und aus der Handkasse  des Kreises sowie einer privaten Spende finanziert: Seit Anfang 2011 versorgt ein kurzer Stichgraben vom Rammbach über ein regelbares Zulaufbauwerk den alten Flößgraben auf der Kiebitzwiese mit Rammbachwasser.  Das trotz jahrelangem Ackerbau noch immer nicht vollständig nivellierte Feinrelief der Kiebitzwiese – mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar – sorgte dann dafür, dass auch ohne größere Erdarbeiten eine abwechselungsreiche Ersatzaue mit großflächigen Flachwasserbereichen sichtbar wurde.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2012 Foto: Hermann Knüwer

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2012 Foto: Hermann Knüwer

Lediglich zum angrenzenden Industriegebiet wurde zur Verbesserung des Hochwasserschutzes ein kleiner Erdwall aufgeworfen. Die Vertiefung zweier noch vorhandener Gerinne lieferte dazu den Erdaushub.

Mit der ersten gesteuerten Vernässung im März 2011 begann die Erfolgsgeschichte des Projektes. Große Gebietsteile wurden durch das zugeführte Rammbachwasser innerhalb weniger Tage aufgefüllt, Flachwasserbereiche und Rieselstrecken entwickelten sich. Entgegen ersten Befürchtungen erwies sich die geringe zur Verfügung stehende Wassermenge als ausreichend, Mulden und Vertiefungen des Gesamtgebietes zu bespannen und die Versickerungsverluste zu kompensieren.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Wiedervernässter Bereich im Osten des Gebietes

Und auch die Vogelwelt reagierte sofort: Landschaftswächter und Ornithologe Gregor Zosel aus Fröndenberg konnte vom ersten Tag an zahlreiche neue oder lange verschollene Arten auf der Kiebitzwiese registrieren. Gänse, Entenarten, Limikolen und Feuchtgebietsbewohner unter den Singvögeln nahmen die Kiebitzwiese spontan als Rast- oder Brutgebiet an. Besonders erfreulich sind die zurückgekehrten Kiebitz-Brutpaare, die nach langen Jahren in die verwaiste Kiebitzwiese um- und dort Jungvögel aufzogen. Die Kiebitzwiese hat ihren Namen zurück.

Naturschutzgebiet Kiebitzwiese 2013

Wieder zurück: Balzender Kiebitz über der Kiebitzwiese – Foto: Gregor Zosel

Diese ersten Erfolge konnte die Untere Landschaftsbehörde des Kreises dazu nutzen, die Bezirksregierung zu mehreren Erweiterungen der Vernässungzone in Richtung Westen zu bewegen.

Im Spätsommer 2011 rückte der Bautrupp der Bezirksregierung an und stellte ein weiteres Gewässer an der Westgrenze des Gebietes samt der nötigen Anschlussgräben fertig. Der anfallende Bodenaushub wurde kostengünstig zu einem Beobachtungshügel an der Werner-von-Siemens-Straße aufgeschichtet. 2012 wurde das Wasser durch ein weiteres Rinnensystem im Westen bis an den Neimener Bach geführt, 2013 fast bis zum Schwitter Wehr.

Mitarbeiter der Bezirksregierung Arnsberg bei der Erweiterung des Gerinnesystems 2013

Mitarbeiter der Bezirksregierung Arnsberg bei der Erweiterung des Gerinnesystems 2013

Durch den Anschluss des alten Flößgrabensystems ist zwar nicht die typische Überflutungsdynamik der Kiebitz­wiese wiederhergestellt worden, die seit fast 100 Jahren durch den Bau des Wehres und der Ruhrverwallung unterbrochen war. Aber der Anschluss der im Gelände vorhandenen Gerinne und die Erhöhung des Bodenwassergehaltes entwickelt eine ganz eigene Dynamik, die sich die typischen auenbewohnenden Tier- und Pflanzenarten zu Nutze machen.

Nach dem Einstau: Gerinnesystem 2013

Nach dem Einstau: Gerinnesystem 2013

Das wird auch den heute wieder in oder an der Kiebitzwiese zu findenden und vom Landschaftswächter und Ornithologen Gregor Zosel und der Biostation dokumentierten Tier- und Pflanzenarten zu gute kommen: Neben dem schon erwähnten Kiebitz werden Flussregenpfeifer, Schwarzkehlchen, Rohrammer, Sumpfrohrsänger und Feldschwirl als Brutvögel direkt profitieren und für Bekassinen, Waldwasserläufer, Bruchwasserläufer, Grün- und Rotschenkel, Braunkehlchen, Enten und Reiher werden die Rastbedingungen deutlich verbessert. Zwergtaucher und Haubentaucher sowie die Enten- und Gänsearten können durch die teilweise Sperrung der Uferbereiche für den Besucherverkehr auf dem für Wintergäste bedeutenden Ruhrabschnitt störungsfrei rasten und brüten. Inzwischen sind zu den Zugzeiten sogar rastende Kraniche im Gebiet zu beobachten. Neuntöter und die in der benachbarten Spundwand brütenden Uferschwalben können sich auf ein größeres und vielseitigeres Nahrungsangebot einstellen. In den entstehenden temporären Wasserflächen laichen inzwischen wieder Gras- und vor allem Grünfrösche ab – bisher war die Kiebitzwiese kein Ort für Amphibiennachwuchs. Und die Rispensegge hat die Chance, ihren Reliktstandort am Ruhrufer erfolgreich zu vergrößern.

Großflächige Blänken im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese

Großflächige Blänken im Naturschutzgebiet Kiebitzwiese