Naturschutzgebiete der Lippeaue

Die „bananenförmige“ Nord-Süd-Ausdehnung des Kreisgebietes Unna beträgt ca. 39 km. Im Süden stoßen zwei naturräumliche Großeinheiten Nordrhein-Westfalens aufeinander, die sich vor allem aufgrund ihrer Landschaftsbeschaffenheit, der geologischen Gegebenheiten, der Boden- und Klimaverhältnisse, des Wasserhaushaltes und der Naturausstattung mehr oder weniger deutlich voneinander abgrenzen lassen. Trennlinie zwischen beiden Naturräumen – und zugleich markante Wasserscheide des Kreisgebietes – ist der Haarstrang mit dem Ardeygebirge. Nördlich dieser Linie erstreckt sich die Westfälische Bucht mit dem Kernmünsterland und der Hellwegbörde, südlich davon liegt das Süderbergland mit dem Unteren Sauerland. Das Landschaftsbild der beiden Naturräume prägen und beleben im Kreis Unna zwei große Flussauen, im Norden die der Lippe und im Süden die der Ruhr.

Zur ökologischen Bedeutung der Lippeaue im Kreis Unna

Die Lippe entspringt in der Senne bei Bad Lippspringe am Fuß des Teutoburger Waldes und mündet bei Wesel in den Rhein. Von ihrer Quelle bis zur Mündung legt sie 230 km zurück und überwindet dabei einen Höhenunterschied von nur 123 m. Im Kreis Unna weist sie eine Lauflänge von 38,5 km auf. Ihr Wasser bezieht sie aus einem 4.890 km² großen Einzugsgebiet. Die Lippe ist ein typischer, sandiger Tieflandfluss. Das Flussbett der heutigen Lippe ist während der letzten Eiszeit entstanden.

Zweifelsohne kommt der Lippeaue im Kreis Unna trotz oder gerade wegen ihrer Entwicklungsgeschichte größte ökologische Bedeutung zu.

Die Lippeaue im Spannungsfeld von Naturschutz und Naturnutzung

Die Lippeaue im Spannungsfeld von Naturschutz und Naturnutzung

Die Lippeaue, wie wir sie kennen, hat nichts mehr mit der ursprünglichen Naturlandschaft gemein. Der Mensch hat sie in einem Jahrhunderte langen und langsamen Prozess zur Erfüllung seiner unterschiedlichen und wechselnden Nutzungsinteressen zu einer Kulturlandschaft gestaltet.

Gerade wegen dieser  Umgestaltungsprozesse konnte sich bis ins 19. Jahrhundert in der Lippeaue eine noch nie da gewesene Standort- und Artenvielfalt an Fauna und Flora entwickeln. Dies änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bergbau, fortschreitende Industrialisierung, Intensivierung der Landwirtschaft, Schiffbarmachung der Lippe (Flussbegradigung, Schleusenanlagen, Uferverbau) und die Nutzung der Lippe als Abwasserfluss trugen zur Zerstörung von Lebensräumen vieler Tier- und Pflanzenarten bei. Seit der Vor- und Nachkriegszeit, bis in die 1980er Jahre hinein, veränderte sich das Landschaftsbild der Lippeaue zunehmend zu einer verarmten, intensiv genutzten Kulturlandschaft.

Ein Umdenkungsprozess in der Gesellschaft führte in den 1980er Jahren zu einem behutsameren Umgang mit Landschaft und Natur. Im Zuge der Landschaftsplanung fanden 12 (28,6 %) der damals kreisweit 42 NSG mit zusammen 305 ha (20,5 %) ihren Platz in der Lippeaue. Abwasserklärung, Renaturierungs- und andere Naturschutzmaßnahmen bewirkten eine wesentliche Verbesserung der Wasserqualität bzw. des Zustandes der Lebensräume von Tieren und Pflanzen.

Heute ist die Lippeaue als Fauna-Flora-Habitat-Gebiet fast vollständig Bestandteil des 1992 auf europäischer Ebene beschlossenen Biotopverbundes NATURA 2000, was ihre herausragende Bedeutung für den Natur- und Landschaftsschutz unterstreicht. Die im Rahmen der Umsetzung der FFH-Richtlinie im Dezember 2007 in den Landschaftsplänen der Lippeaue festgesetzte Ausweitung der unter Naturschutz gestellten Flächen wurde durch die Ausweisung von fünf großflächigen, zusammenhängenden Naturschutzgebieten (NSG) realisiert, wobei die alten, isoliert liegenden NSG einbezogen wurden:

Lippeaue von Stockum bis Werne“ (188 ha),

Lippeaue von Werne bis Heil“ (415 ha),

Lippeaue von Wethmar bis Lünen“ (112 ha) mit den Alt-NSG „Inden Kämpen“ und „Im Mersche“,

Lippeaue von Lünen bis Schleuse Horst“ (216 ha), hierin sind die Alt-NSG „Stocke“, „Zwiebelfeld“ und „Schleuse Horst“ aufgegangen

und „Lippeaue Selm“ (102 ha), Neuausweisung auf gesamter Fläche bis an die westliche Kreisgrenze.

Somit befinden sich fünf der heute 39 NSG des Kreises Unna mit zusammen 1.033 ha (34,9 % der Gesamtfläche aller NSG) in der Lippeaue.

Im Rahmen der Naturschutzgebietsbetreuung werden laufend Naturschutzmaßnahmen zur Erhaltung, zum Schutz und zur Optimierung der Gebiete durchgeführt. Größere zusammenhängende Auenbereiche können vor allem im Zuge von Flächenankäufen durch die öffentliche Hand naturschutzgerecht entwickelt werden. In der vorliegenden Ausgabe des Naturreports berichtet der Beitrag „In der Lippeaue tut sich was…“ über aktuelle landschaftsökologische Entwicklungskonzepte.

Ein großer und wichtiger Baustein des Naturschutzes in der Lippeaue im Kreis Unna ist auch das im Rahmen des Gewässerauenschutzprogrammes NRW (MURL 1994, MUNLV 2002) vom Lippeverband erarbeitete Lippeauenprogramm, das bereits 1995 die Lippeaue als ökologisch wichtige Ost-West-Achse in einem überregionalen Biotopverbund würdigt (Lippeverband 1996). Bislang konnten umfangreichere Uferentfesselungen realisiert werden. Die große Hoffnung liegt jedoch nach wie vor auf der weiteren Umsetzung des Lippeauenprogramms (Junghardt & Ruppert 2006, siehe auch den Beitrag von Stemplewski et al. zum ökologischen Umbau von Seseke und Lippe in diesem Naturreport). Die dort vorgesehene großräumige Renaturierung der Lippe (Profilaufweitung, Sohlanhebung) zwischen dem Streichwehr bei Werne und dem Wehr Lünen-Beckinghausen wird deutlich mehr zu den gewünschten Redynamisierungsprozessen beitragen können.

Das Naturschutzgebiet „Lippeaue von Stockum bis Werne“

Silber-, Korb- und Grauweiden am Lippeufer westlich der A1

Silber-, Korb- und Grauweiden am Lippeufer westlich der A1

Das 188 ha große NSG „Lippeaue von Werne bis Stockum“ integriert die alten NSG „Lippeschleife südlich des Gersteinwerks“, „Lippeaue westlich der A1“ sowie „Auenwald Mittlake“. Die dazwischen liegenden, seit 2007 in den Naturschutz einbezogenen Flächen sollen nach und nach ebenfalls von der öffentlichen Hand aufgekauft und überwiegend in extensiv genutztes Grünland umgewandelt werden.

Schilf- und Seggenbestände in der Lippeaue nördlich von Bergkamen- Rünthe sind Brut- und Nahrungsgebiete seltener Vogelarten wie z.B. Teichrohrsänger und Rohrammer

Schilf- und Seggenbestände in der Lippeaue nördlich von Bergkamen- Rünthe sind Brut- und Nahrungsgebiete seltener Vogelarten wie z.B. Teichrohrsänger und Rohrammer

Wie in den anderen Schutzgebieten in der Lippeaue sind auch in diesem Bereich die artenreichen Altwasser mit Röhrichtsäumen und Ufergehölzen, Flutrinnen- und Flutmulden mit Nassgrünland sowie der Fluss mit seiner Unterwasservegetation die wertgebenden Biotopstrukturen. Auch hier ist die Lippeaue als Nahrungs- und Rastgebiet für viele Wasser- und Watvögel von Bedeutung. Ebenso finden zahlreiche, teils auch europaweit geschützte Tierarten wie Zwergtaucher, Eisvogel, Wasserralle und Rohrweihe einen Lebensraum. Als Besonderheit für die Lippeaue gibt es noch nährstoffarme Feuchtwiesen mit bedrohten Pflanzenarten wie Natternzunge, Hirsesegge und Knabenkrautarten, die im Kreis Unna sonst nur noch in den seit Jahrzehnten vom wirtschaftenden Menschen ausgesparten Bergsenkungsgebieten in Lünen und Bergkamen vorkommen.

Orchideenwiese in der östlichen Lippeaue (Foto: Bernd Margenburg)

Orchideenwiese in der östlichen Lippeaue (Foto: Bernd Margenburg)

Im Unterschied zur westlich an Werne angrenzenden Lippeaue gibt es hier auf der Südseite der Lippe einen durchgehenden Radwanderweg bis nach Hamm.

Südlich des Kohlekraftwerkes bei Stockum grasen auf Kompensationsflächen der Stadt Hamm ganzjährig Heckrinder, die von der Biologischen Station in Kooperation mit einem ortsansässigen Landwirt betreut werden. Heckrinder ähneln ihren ausgestorbenen Vorfahren, den Auerochsen, die in historischer Zeit auch in der Lippeaue vorkamen.

Da sich seit einigen Jahren regelmäßig Weißstörche in der Lippeaue aufhalten und andernorts positive Erfahrungen mit der Annahme von Nisthilfen gemacht wurden, organisierte die Biologische Station Anfang des Jahres 2010 das Aufstellen mehrer Masten mit Nisträdern, u.a. auch in der Heckrindfläche südlich des Kohlekraftwerkes.

Das Naturschutzgebiet „Lippeaue von Werne bis Heil“

Im Zuge der Ausweisung der FFH-Gebiete wurden die alten NSG „Unterlauf Beverbach“, „Waterhues“, „Disselkamp“ und “Langerner Hufeisen“ mit den sie verbindenden Flächen auf einer Gesamtfläche von 415 ha als „Lippeaue von Werne bis Heil“ zusammengefasst. In diesem noch naturnah reliefierten Auenbereich sind besonders viele Altwasser und Flutrinnen erhalten, die seltene Pflanzen und Tieren aufweisen. Erwähnenswert sind hier neben vielen anderen Schwanenblume, Froschbiss, Wassserfeder und Ähriges Tausendblatt sowie Libellenarten wie Granatauge, Smaragdlibelle und Federlibelle.

Entfesselte Steiluferbereiche nordöstlich des Dorfes Heil wurden schnell von Uferschwalben und Eisvögeln besiedelt

Entfesselte Steiluferbereiche nordöstlich des Dorfes Heil wurden schnell von Uferschwalben und Eisvögeln besiedelt

Auch Elemente der alten Kulturlandschaft wie extensiv genutzte Wiesen und Weiden mit Hecken, Kopfbäumen und Feldgehölzen bereichern die Aue der hier noch in weiten Schwüngen fließenden Lippe, die mit ihrer Unterwasservegetation einen wichtigen Lebensraum für Fische und wassergebundene Kleinlebewesen sowie von ihnen lebende Vogelarten darstellt.

Die entfesselten Steiluferbereiche an Flächen der öffentlichen Hand bieten Brutplätze für Eisvogel und Uferschwalbe. Die vorgelagerten Flachwasserzonen sind Kinderstuben für viele Fischarten.Die Altwasser mit auentypischer Vegetation im Wasser und an den Ufersäumen sind wegen ihres Reichtums an seltenen Pflanzen- und Tierarten besonders wertvoll. Sie unterliegen ebenso wie die Lippe mit ihren Auwaldresten und den Hochstaudensäumen als sogenannte Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie einer Berichtspflicht über ihren Erhaltungszustand, der regelmäßig an die EU-Kommission zu melden ist.

Nach der Optimierung dieser verlandeten Flutrinne südlich von Hof Waterhues siedelte sich neben anderen Amphibienarten auch der Kammmolch an

Nach der Optimierung dieser verlandeten Flutrinne südlich von Hof Waterhues siedelte sich neben anderen Amphibienarten auch der Kammmolch an

Einige stark verlandete Auengerinne wurden auf Initiative der Biologischen Station vor rund 10 Jahren vertieft und optimiert, so dass sie heute wieder ganzjährig Wasser führen und eine charakteristische Vegetation ausbilden konnten. Auch Libellen und Amphibien stellten sich rasch ein, darunter der Kammmolch als eine der Zielarten der FFH-Richtlinie.

Ihren im Naturschutzsinne guten Erhaltungszustand verdankt die Lippeaue hier unter anderem der geringen Erschließung durch Straßen und Wege. Besucher kommen nur stichwegartig bis an die Lippe heran, z.B. im Bereich des Naturfreibades in der Bauernschaft Heil. Trotzdem sind in angemessener Entfernung Radwegeverbindungen zwischen Lünen und Werne vorhanden.

Die Altwasser der Lippe im NSG „Lippeaue von Werne bis Heil“ besitzen oft alte Ufergehölze und Teichrosendecken

Die Altwasser der Lippe im NSG „Lippeaue von Werne bis Heil“ besitzen oft alte Ufergehölze und Teichrosendecken

In einem Teilbereich bei Werne-Langern soll durch extensive Ganzjahres-Beweidung mit Heckrindern eine sogenannte halboffene Weidelandschaft im Sinne eines Naturentwicklungsgebietes entstehen.

Der überwiegende Teil der Lippeaue kann aber mit Naturschutzauflagen weiterhin landwirtschaftlich genutzt werden. Besonders die traditionelle Beweidung mit Hausrindern ist wichtig für die Erhaltung einer artenreichen Kulturlandschaft mit trockener und feuchter Grünlandvegetation. Dies ist auch für einen großen Komplex westlich der Hornebachmündung vorgesehen, der als Kompensationsmaßnahme für andernorts erfolgte Bebauung vom Kreis angekauft wurde.

Heckrinder auf einer Kompensationsfläche bei Werne-Langern

Heckrinder auf einer Kompensationsfläche bei Werne-Langern

Die Grünlandflächen um die Altwasser im ehemaligen NSG „Unterlauf Beverbach“ werden extensiv mit Hausrindern beweidet

Die Grünlandflächen um die Altwasser im ehemaligen NSG „Unterlauf Beverbach“ werden extensiv mit Hausrindern beweidet

Das Naturschutzgebiet „Lippeaue von Wethmar bis Lünen“

Das NSG umfasst im Wesentlichen die Lippeaue von der Grenze zwischen der Stadt Lünen und der Städte Werne und Bergkamen im Osten bis in den Stadtkernbereich von Lünen im Westen. In Ost-West-Richtung verjüngt sich das NSG aus der weiten und offenen Flussaue kommend, bis auf einen nur wenige hundert Meter breiten Streifen im urbanen Umfeld.

Bis zum Wehr Beckinghausen ähnelt das NSG der sich östlich anschließenden Lippeaue (s.o.). In diesem weitgehend extensiv als Grünland genutzten Teil liegen Seggenrieder und kleinere Auwaldreste. Die Altwasser und Kleingewässerkomplexe weisen eine ausgeprägte Gewässerzonierung auf, sie sind Lebensraum einer Reihe gefährdeter Pflanzenarten der Wasserpflanzengesellschaften, von Röhrichten oder feuchten Uferhochstaudenfluren.

Abwechslungsreich strukturierter Altarm mit offenen Sand- und Schlammufern, verschiedenen Wasserpflanzengesellschaften und üppig blühender Ufervegetation im Osten des NSG

Abwechslungsreich strukturierter Altarm mit offenen Sand- und Schlammufern, verschiedenen Wasserpflanzengesellschaften und üppig blühender Ufervegetation im Osten des NSG

Prägend für den Westen des NSG ist hingegen die starke anthropogene Überformung aus Siedlung und Verkehr, sowie industrieller Vornutzung.

Etwa auf Höhe des Wehres Beckinghausen lag die alte Beckinghausener Mühle. Der heute noch in Teilabschnitten erkennbare zugehörige Mühlengraben bot günstige Standortbedingungen für die ab 1826 nördlich der Lippe errichtete Eisenhütte Westfalia. Einerseits stand Brauchwasser für die Produktionsprozesse zur Verfügung, andererseits war die Lippe selbst günstig als Transportweg für Rohstoffe wie Produkte nutzbar. An die Hütte erinnern heute nur noch wenige Gebäude, am Lippeufer unter anderem das alte Fährhaus und die 2009 neu wiedererrichtete Rad- und Fußbrücke. Mit der Brücke entstand wieder eine Querungsmöglichkeit, bei der Passanten auch Einblicke in renaturierte Bereiche des NSGes gewinnen können. Beidseitig des ehemaligen Weges zum Werksgelände werden Naturentwicklungsflächen mit Hochlandrindern beweidet. Ein neues, großflächig abgeschobenes Gewässer bietet gute Beobachtungsmöglichkeiten für Wasservögel. Hier sind z.B. regelmäßig verschiedene – auch gefährdete Ententarten anzutreffen, z.B. Krick-, Reiher- Tafel- oder Schnatterenten. Mit dem Gewässer verzahnt sind feuchte Hochstaudenfluren, Seggenrieder und Weidengebüsche, die von Rohrammer, Sumpf- und Teichrohrsänger zur Brut genutzt werden.

Östlich von Lünen wird die Lippe von Silberweiden-Auwald, einem europaweit bedeutsamen und geschützten Lebensraumtyp, begleitet

Östlich von Lünen wird die Lippe von Silberweiden-Auwald, einem europaweit bedeutsamen und geschützten Lebensraumtyp, begleitet

Auch gegenüber des Westfalia-Geländes tut sich lippesüdseitig geschichtsträchtiges Gelände auf. Am Mündungsbereich des Rotherbaches befinden sich Spuren eines römischen Uferkastelles auf dem Lippehochufer in den ältesten Buchenwaldbeständen der Stadt Lünen. Der ehemals stark gewundene Verlauf des Rotherbaches ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Bergsenkungen haben die Geländemorphologie zu einer aufgeweiteten dauerhaft vernässten Tallandschaft verändert. Prägnant sind hier, neben den Elementen der Weichholzauen, die abgestorbenen und zum Teil schon umgestürzten Pappeln. Deren Wurzelteller werden gerne von Eisvögeln zur Anlage von Brutröhren angenommen. Ein augenfällig anderes Gepräge hat Zufluss der naturfern kanalisiert ausgebauten Seseke, die nur wenige hundert Meter westlich in die Lippe einmündet. Als zumeist nur wenig breiter gewässerbegleitender Streifen fallen besonders westlich des Wehres Beckinghausen episodisch überflutete Auwaldreste ins Auge. Die ausladenden Silberweiden sind markante Baumarten der Weichholzauenwälder, einem europäisch bedeutsamen und geschützten Lebensraumtyp. Auch sie belegen die Einzigartigkeit der NSG samt strukturreichen Flusslandschaft und begründen deren Schutzwürdigkeit. Die weitere Umsetzung des Lippeauenprogramms (s.o.) wird in Zukunft einmal mehr das Gesicht dieses NSG prägen.

Das Naturschutzgebiet „Lippeaue von Lünen bis Schleuse Horst“

 Das NSG nimmt größtenteils das Überschwemmungsgebiet der Lippe zwischen der Konrad-Adenauer-Straße im Osten bis zum Ende eines großen Lippebogens im Bereich der ehemaligen Schleusenanlage Horst im Westen ein. Im westlichen Bereich bildet die Lippe die gemeinsame Grenze zum Kreis Recklinghausen. Das jenseitig angrenzende großflächige NSG gewährleistet die Kohärenz der Schutzgebietskulisse -und dieses nicht nur kreisübergreifend, sondern auch im europäischen Kontext der im Schutzgebietsssytem Natura 2000 als FFH-Gebiet geführten Lippeaue.

Westlich des Stadtkerns von Lünen öffnet sich die Lippeaue wieder. Zusammen mit dem außerhalb des NSGes liegenden Segelflugplatzgeländes erscheint der Abschnitt bis zum Wehr Buddenburg wie ein zusammenhängender Grünlandblock. Dieser ist von typischen alten Kulturlandschaftselementen wie Kopfbaumreihen, dichten Feldhecken und einigen Baumreihen durchzogen. Größere Altarme und –wasser fehlen in diesem Bereich, jedoch liegen eine Reihe von Kleingewässern eingestreut im Einflussbereich der Lippe, deren Anzahl durch Neuanlagen weiter ansteigt. Damit wird sich die Situation auch für Amphibien in diesem Bereich weiter verbessern – unter anderem für den europäisch geschützten Kammmolch, von dem hier vereinzelte Nachweise vorliegen. Kann man an den Kleingewässern vor allen auf dem Durchzug Watvögel wie z.B. Bekassinen beobachten, sind die großen Grünlandpartien besonders für überwinternde Gänse attraktiv und bedeutsam. Die hier und weiter westlich neu geschaffenen Ufer-Steilabbrüche haben sich schnell zu attraktiven Brutplätzen für Uferschwalben entwickelt, einer Art, die in Ermangelung geeigneter Lebensraumstrukturen lange Zeit kein Brutvogel im Kreis Unna war.

Durch die naturnahe Umgestaltung der Lippeufer entstehen wieder Lebensräume für viele spezialisierte Tierarten wie die Uferschwalbe

Durch die naturnahe Umgestaltung der Lippeufer entstehen wieder Lebensräume für viele spezialisierte Tierarten wie die Uferschwalbe

Mit der Umsetzung des Entwicklungskonzeptes für den Nordteil der Lüner Lippeaue wird die landwirtschaftliche Nutzungsintensität weiter zurückgefahren und weitere Biotopentwicklungs- maßnahmen eingeleitet.

Das Wehr Lippholthausen wurde zur Wasserversorgung mit dem Bau des STEAG-Kraftwerkes gebaut. Die biologische Durchgängigkeit eines Fließgewässers ist mit der so einer baulichen Veränderung nachhaltig gestört. Erst der Bau einer Umflut ermöglichte wieder einen ungehinderten Austausch. Insbesondere stehen bei solchen Maßnahmen wandernde Arten im Fokus, z.B. in NRW stark im Bestand bedrohte Fischarten wie Flussneunauge und Aal, die in der Lippe vorkommen.

Die Umflut um das Wehr Buddenburg stellt für viele Organismen wieder eine natürliche Durchgängigkeit der Lippe her

Die Umflut um das Wehr Buddenburg stellt für viele Organismen wieder eine natürliche Durchgängigkeit der Lippe her

Westlich des Wehres schließt sich das „Alt“-NSG „Zwiebelfeld“ an, wo ein seit fast 200 Jahren abgeschnürter Altarm markant ist. Er wird nur noch schwach von Oberflächenwasser durchströmt und verlandet zusehends. Hier hat sich Auwald relativ ungestört in einem Umfeld aus vorwiegend Feuchtgrünlandbrachen entwickeln können. In jüngerer Zeit wurden hier auch auf größeren Abschnitten durch Gestaltungsmaßnahmen die mit Schüttsteinen naturfern befestigten Uferböschungen neu modelliert. So entstanden wieder Bereiche, die den natürlichen fließgewässerdynamischen Prozessen der Lippe unterworfen sind. Sie bieten Wiederbesiedlungsmöglichkeiten  für eine Anzahl auf sich rasch verändernde Lebensräume spezialisierte Arten.

Solche Rückbauten sind das vorläufige Ende eines bereits seit Jahrhunderten von Menschenhand getriebenen Wandels an der Lippe. Massiv in den Lippeverlauf griffen Maßnahmen zur Schiffbarmachung ab Anfang des 19. Jahrhunderts ein. Der Gewässerausbau bestand vor allem in einer Laufverkürzung durch Begradigungen mit Durchstichen zur Umgehung besonders enger Schleifen. Hinzu kamen Schleusenbauwerke zur Passage der Wehre. Ein letzter, aber nur noch kaum erkennbarer Zeitzeuge dieser Regulierungen, ist die Schleuse Horst. Deren ehemalige Schleusenkammer führt heute fast nur noch bei Hochwasserereignissen Wasser und ist mittlerweile fast vollständig von gesetzlich geschützten Biotopen wie Weidengebüschen und Röhrichten eingenommen. In der Lippeschleife befinden sich noch im auentypisch bewegten Oberflächenrelief schützenswerte binsen- und seggenreiche Feuchtgrünländer und Blänken. Im gesamten Landschaftsausschnitt um die Schleuse Horst kann man im Herbst/Winter regelmäßig durchziehende und überwinternde Vögel beobachten. Auch die verbliebenen Äcker spielen dabei z.B. als Nahrungsraum eine Rolle für arktische Gänse und Schwäne.

Nur noch bei Hochwasser ist die Kammer der ehemaligen Schleuse Horst geflutet. An die Stelle von offenen Wasserflächen sind hier sukzessive Röhrichte und Weidengebüsche getreten

Nur noch bei Hochwasser ist die Kammer der ehemaligen Schleuse Horst geflutet. An die Stelle von offenen Wasserflächen sind hier sukzessive Röhrichte und Weidengebüsche getreten

Erlebbar wird diese Vielfalt für den Besucher besonders im Lüner Stadtbereich auf Rad- und Fußwegen, wobei der in den 1990´er Jahren errichtete neue Lippedamm im Norden der Lippeaue einen besonders guten Einblick aus erhöhter Warte liefert. Einige Dämme wurden in der Vergangenheit aus Gründen des Hochwasserschutzes eingezogen, eine Begleiterscheinung ist aber, dass Bäche nicht mehr durchgängig in die Lippe entwässern können. Technisch wird dieses Problem vermittels Rückhaltungen und durch Pumpwerke gelöst. So entstand auch nordseitig des neuen Lippedamms ein Becken, an dem sich Schilfröhrichte entwickelt haben. Unter anderem verschiedene Entenarten, aber auch die gefährdete Rohrweihe findet hier im Zusammenhang mit der Lippeaue attraktive Lebensraumbedingungen vor.

Das Naturschutzgebiet „Lippeaue Selm“

Das ca. 102 ha große NSG „Lippeaue Selm“ besteht erst seit Dezember 2007. Teilfächen des NSGs entsprechen den Kriterien der FFH-Richtlinie und sind als Teil des europäischen Schutzgebietssystem NATURA 2000 ausgewiesen.

Das NSG umfasst im Wesentlichen das (gesetzliche) Überschwemmungsgebiet der Lippe und bezieht angrenzende Grünland- und Ackerflächen ein. Es erstreckt sich rechtseitig der Lippe von der Grenze zwischen Selm und Lünen im Südosten bis zur Grenze zum Kreis Coesfeld im Nordwesten. Die Lippe selbst ist Grenzfluss zum Kreis Recklinghausen, wo sich die Schutzgebietskulisse in der orographisch links gelegenen Aue fortsetzt. Auf Unneraner Seite ist die Lippeaue nur bis auf die Höhe der Kläranlage Bork aufgeweitet. Weiter westlich bis zur Kreisgrenze kann man keine markanten Terrassenkanten in der Morphologie ausmachen, oftmals steigt das Gelände nordseitig relativ unvermittelt an. Die Schutzgebietsabgrenzungen sind hier daher überwiegend eng gewählt und das NSG oft kaum mehr als 100 m breit.

Die Lippeaue in diesem Bereich ist gekennzeichnet durch ein abwechslungsreiches Mosaik an teilweise schutzwürdigen Lebensräumen. Im Wechsel von Acker- und Grünland, Ufergehölz- und Auwaldrelikten, diversen Baumstrukturen und Gebüschen, unterschiedlichsten Gewässern mit Unterwasser- und Verlandungsvegetation, Röhrichten, teils feuchten Hochstaudenfluren und Säumen zeigt sich der Strukturreichtum und die Bedeutung dieses Abschnittes für die Pflanzen- und Tierwelt.

In die Lippe ragendes Totholz, wie hier bei der Kläranlage Bork, reichert die amphibischen und aquatischen Lebensräume um auentypische Sonderstrukturen an

In die Lippe ragendes Totholz, wie hier bei der Kläranlage Bork, reichert die amphibischen und aquatischen Lebensräume um auentypische Sonderstrukturen an

Einige Elemente der ehemaligen Auenlandschaft sind erhalten geblieben, wenngleich bisher auch große, in der Aue gelegene Ackerflächen im NSG verblieben sind. Südlich der Waltroper Straße ist noch auentypisch reliefiertes Grünland in geringem Umfang erhalten. Die überwiegende ackerbauliche Intensiv-Nutzung ist aber noch deutlich in dem Ausschnitt von der Brücke (Waltroper Straße) bis südlich der Kläranlage Bork wahrzunehmen. Aber gerade diese Bereiche erfahren in den nächsten Jahren durch eine Neugestaltung unter naturschutzfachlichen Gesichtspunkten eine deutliche Optimierung, vgl. Artikel Entwicklungskonzepte. Hier befinden sich Flächen in Öffentlicher Hand, die bereits schon um die Jahrtausendwende die Möglichkeit boten, abschnittsweise das Lippeufer zu renaturieren. Durch solche Uferentfesslungen werden beispielsweise unmittelbar Fische gefördert. Aber auch andere aquatische Organismengruppen profitieren vom erhöhten Angebot an unterschiedlichen Wassertiefen, Fließgeschwindigkeiten, Totholz, Spülsäumen etc. was sich in höheren Arten- und Individuenzahlen nachweisen lässt.

Der abgeschnürte Altarm gegenüber der Kläranlage fällt als eines der wenigen größeren und naturnahen Landschaftselemente auf. Er weist schutzwürdige Weidenauwaldfragmente, hochwüchsigen Röhrichte und Seerosenteppiche auf. Eine Reihe von Wasservögeln nutzten den Altarm als Brutstätte (Entenarten, Zwergtaucher), zugleich ist er Rastplatz für Wintergäste (Schwäne, Gänse), die auch die umgebende Feldflur beidseitig der Lippe zur Nahrungssuche aufsuchen.

Über oberflächennah anstehenden Mergelbänken im Lippeflussbett findet man einen weitern kleinen Weidenauwaldrest im Westen des Gebietes. Frühjährlich bieten hier kleinere wasserführende Mulden und Gerinne zusammen mit einem größeren naturnah in Waldrandlage gelegenen Gewässer einen Refugialraum für Grasfrosch und Molcharten.

Neben den Weiden- und Erlenufergehölzen befinden sich in diesem Abschnitt der Lippeaue relativ wenige, die Landschaft gliedernde Gehölze. Durch ihre Wuchshöhe auffällig sind aber einzelne Hybridpappelreihen, die abschnittsweise die Lippe begleiten oder sich in die Feldflur erstrecken. Sie sind in der Lippeaue oftmals Brutplatz des gefährdeten Baumfalken, einer Art die bevorzugt Fluginsekten jagt und vom Insektenreichtum (Libellen!) an Lippe und den Auengewässern profitiert.

Eine der deutlichen baulichen Veränderungen an der Lippe ist das Streichwehr südlich des alten Herrensitzes „Haus Dahl“. Bis hierher war die Lippe in historischer Zeit flussaufwärts von Wesel aus schiffbar. An dieser Stelle bestimmen heute auch die Gebäude einer Papierfabrik, die Brauchwasser aus der Lippe zieht, das Landschaftsbild. Anders als weiter oberhalb ist hier eine technische Fischtreppe eingerichtet, die es immerhin stärkeren Fischarten ermöglicht flussaufwärts zu wandern. Derart kann die Lippe ihre Funktion als bedeutsamer als Wanderkorridor für Meerforelle und Flussneunauge wahrnehmen.

In Teilen des NSG „Lippeaue Selm“ nehmen landwirtschaftlich intensiv genutzte Äcker noch größere Flächen ein und grenzen unmittelbar an schützenswerte Uferhochstaudenfluren

In Teilen des NSG „Lippeaue Selm“ nehmen landwirtschaftlich intensiv genutzte Äcker noch größere Flächen ein und grenzen unmittelbar an schützenswerte Uferhochstaudenfluren

Literatur:

JUNGHARDT, S. & RUPPERT, J. (2006): Das Lippeauenprogramm im Kreis Unna – eine Flusslandschaft verändert sich. In: Jahrbuch Kreis Unna.

LIPPEVERBAND (1996): Lippeauenprogramm 1995. Abschnitt Lippborg bis Wesel. Lippeverband, Dortmund.

MURL – Ministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) 1994: Gewässerauenprogramm Nordrhein-Westfalen. Vom Vorfluter zum naturnahen Fließgewässer.- Düsseldorf

MUNLV – Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) 2002: Gewässerauenprogramm. Ein Überblick über die Gewässerauenkonzepte in Nordrhein-Westfalen.- Düsseldorf

Text und Fotos Anke Bienengräber, Stefan Kauwling, Klaus Klinger (Biologische Station im Kreis Unna)