Hat die Ringelnatter im Naturschutzgebiet „Im Siesack“ (Dortmund) eine Chance?

Rolf Ohde

– Zweiter Bericht zum Monitoring der Ringelnatterpopulation im Naturschutzgebiet “Im Siesack“ –

In Dortmund gab es im Jahr 2004 im Stadtgebiet nur eine Restpopulation der Ringelnatter im Bereich des Naturschutzgebietes (NSG) „Kirchderner Wald“. Der Fortbestand der Population war zu diesem Zeitpunkt bereits durch die Errichtung des Güterverkehrszentrums stark gefährdet. Daher wurde durch die Untere Landschaftsbehörde und die Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Dortmund e.V. (AGARD) das “Ringelnatterschutzprojekt Dortmund” initiiert. Das Ringelnatter-Vorkommen „Im Siesack“ ist Ergebnis einer Umsiedlung: Zwischen 2005 und 2010 wurden aus dem NSG „Kirchderner Wald“ Ringelnattern entnommen, kontrolliert vermehrt und gemeinsam mit ihren Nachkommen im NSG „Im Siesack“ ausgesetzt. Aufgrund seiner Biotopausstattung, seines Strukturreichtums, der überwiegend extensiven Nutzung und der geringen Zerschneidung, bietet das NSG “Im Siesack” ideale Lebensräume für die Ringelnatter (s. Abb. 1).

abbildung1-stadtgebiet-dortmund

Abbildung 1: Stadtgebiet Dortmund, NSG “Kirchderner Wald” und NSG “Im Siesack”

Aus der oben beschriebenen Situation heraus ergaben sich zahlreiche Fragestellungen. Insbesondere war ungeklärt, inwieweit sich eine eigenständige und stabile Ringelnatterpopulation entwickelt hatte, da bisher keine systematische Überprüfung des Vorkommens stattfand. Ein erstes Monitoring in 2013 sollte Hinweise zu Populationsgröße, Altersstruktur, Lebensraumausnutzung und ggf. Ausbreitung liefern.

Nach Abschluss und Auswertung des ersten Untersuchungsjahres in 2013 wurde ein umfassender Bericht mit den Ergebnissen vorgelegt. In einem Folgebericht werden die Ergebnisse aus der Kartiersaison 2014 in einer Kurzfassung dargestellt, bewertet und das weitere Vorgehen erläutert.

Die Auswahl der Erfassungsmethoden orientierte sich an der Vorgabe, mit einem geringen zeitlichen Erstaufwand möglichst repräsentative und zielorientierte Ergebnisse für das Gesamtgebiet zu erhalten. Neben der Erfassung von Grundlagendaten erfolgte eine gezielte Befragung von Anliegern mit Hilfe von Fragebögen. Ringelnatternachweise sind zumeist Zufallsfunde, da die heimischen Schlangenarten zu den am schwierigsten nachzuweisenden Reptilien zählen (BLOSAT 2011). Die besten Voraussetzungen herrschen bei nicht zu hohen Temperaturen, zeitweise sonnigem Wetter und besonders nach längeren Regen- oder Kälteperioden. Die Tiere können dann meistens in Verstecken ruhend oder an exponierten Stellen sich sonnend gefunden werden (BLOSAT 2011). Dieses Verhalten nutzt man zur Erfassung des Bestandes durch die Ausbringung und Kontrolle künstlicher Verstecke (KV), sog. Schlangenbretter, und das Absuchen exponierter Geländestrukturen (s. Abb. 2).

Abbildung2-Schlangenbrett

Abbildung 2: Schlangenbrett (KV) Nr. 1 am 04.08.2014.

 

In 2013 wurden insgesamt 45 Standorte für die Auslegung von KV im Untersuchungsraum festgelegt. Neben strukturreichen, sonnenexponierten (Sonnenscheindauer mind. sechs Stunden) und Randlagen (Gehölzränder, Gewässer) abseits von Wegen wurden mögliche Durchlässe an potenziellen Ausbreitungsbarrieren entlang der Untersuchungsraumgrenze als Standorte berücksichtigt. Gleichzeitig wurden die Schlangenbretter auch möglichst gleichmäßig im Gebiet verteilt. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Kartierzeitraum 2013 wurden in 2014 44 Schlangenbretter verwendet, die nur zum Teil an den gleichen Örtlichkeiten aus 2013 ausgelegt worden sind (s. Abb. 3). Die Verlegung der Bretter an neue Standorte erfolgte aufgrund fehlender Nachweise für einen Standort, oder weil der jeweilige Standort zu viel Bodenfeuchte aufwies, zu sehr im Schatten lag oder weil Ameisen die gesamte Fläche des Brettes für ihren Nestbau eingenommen hatten.

Abbildung3-Fundpunkte

Abbildung 3: Standorte der KV und Fundpunkte von Ringelnattern in 2014.

 

Die Schlangenbretter wurden im März, also einige Wochen vor den ersten Ortsbegehungen, im Gelände ausgelegt. Im Zeitraum von April bis Ende September 2014 wurden insgesamt 20 Ortsbegehungen durchgeführt.

In 2014 wurden insgesamt 40 Ringelnattern registriert. Die Schlangenfunde lassen sich drei Altersklassen zuordnen. Insgesamt wurden 19 Alttiere beobachtet. Nur sieben Alttiere wurden unter Schlangenbretter angetroffen. Die übrigen adulten Schlangen wurden sonnend oder jagend häufig jedoch in der Nähe von Schlangenbrettern beobachtet (s. Abb. 4).

Abbildung4-AdulteRingelnatter

Abbildung 4: Adulte Ringelnatter beim Sonnenbad am 02.07.2014 am nördlichen Rand der Halde Ellinghausen.

 

14-mal wurden Schlangen als semiadulte Tiere angesprochen. Sie wiesen eine Länge zwischen 30 cm und 50 cm auf. Diese Schlangen wurden bis auf zwei Tiere alle unter den KV beobachtet (s. Abb. 5). An vier Fundpunkten wurden bis zu drei Jungschlangen registriert. Insgesamt wurden sieben Jungschlangen beobachtet.

Abbildung5-SemiadulteNatrix

Abbildung 5: Semiadulte Schlange (ca. 40 cm) kurz vor der Häutung am 09.09.2014.

 

Eine Bewertung der Ergebnisse der Untersuchungsjahre 2013 und 2014 führen für die Beantwortung der im Untersuchungskonzept formulierten Fragestellungen zu folgendem Bild:

  • Die Größe der gegenwärtigen Ringelnatter-Population im NSG “Im Siesack” liegt weit unterhalb der bekannten Größenordnung der Ursprungspopulation und ist im Vergleich dazu wahrscheinlich nach wie vor als eher klein anzunehmen.
  • Die geringe Anzahl der innerhalb eines Untersuchungsjahres nachgewiesenen Schlangen lassen noch keine Abschätzungen bezüglich der Stabilität der gegenwärtigen Population zu.
  • Der Nachweis von Jungtieren beweist, dass in den Monitoring-Jahren 2013 und 2014 erfolgreich Reproduktion stattfand. Eine Abschätzung der zukünftigen Reproduktionsfähigkeit ist nicht möglich.
  • Eine deutliche Ausbreitung der Ringelnatter im Untersuchungsgebiet über die Bereiche der Aussetzungspunkte hinaus, ist anhand der vorliegenden Nachweise nicht festzustellen.
  • Hinweise auf Ringelnattern in den Randbereichen des Untersuchungsgebietes, die Rückschlüsse auf eine mögliche Ausbreitung über die Gebietsgrenzen hinaus zulassen würden, finden sich im Osten und Süden. Damit liegen Nachweise vor, die in unmittelbarer Nähe von Strukturen liegen, die als Ausbreitungshindernisse eingeschätzt werden: die mit Spundwänden befestigten Ufer des Dortmund-Ems-Kanals und die versiegelten Gewerbe und Verkehrsflächen des Güterverkehrszentrums. Zur potenziellen Ausbreitung der Art Richtung Norden und Westen liegen keine Hinweise vor.
  • Die Bedeutung der Art für das Gebiet kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden: Ob die wahrscheinlich kleine Ringelnatter-Population genetisch vital genug ist, um selbst bei zeitnaher Umsetzung von Stützungsmaßnahmen im Gebiet überlebensfähig zu sein, wird sich erst langfristig erweisen.

Das Monitoring wird in 2015 in einem ähnlichen Umfang wie in 2013 und 2014 wiederholt. Hinsichtlich ihrer Nähe zu potenziellen Eiablageplätzen, der Bodenfeuchte, der Sonnenexposition und der bisherigen Nachweise von Schlangen wurden die Standorte der KV neu festgelegt.

Ende des Untersuchungsjahres 2015 wird mit einem Abschlussbericht das Monitoring vorerst beendet. Eine Interpretation der Ergebnisse aus den drei Monitoring-Jahren 2013 bis 2015 wird durch belastbarere Zahlen präzisiert werden können und zu genaueren Bewertungen und Maßnahmenvorschlägen führen. Der Abschlussbericht soll dabei neben der Analyse der Ringelnatter-Population die negativen Entwicklungen aufzeigen und Handlungsoptionen zur Optimierung der Lebensraumstrukturen für eine dauerhafte Existenzsicherung dieser Art im Bereich des NSG „Im Siesack“ benennen